|
|
 |
 |
 |
|
 |
|
 |
|
|
|
|
Typ oder Dimension ?
|
|
|
Was ist ein dimensionaler Ansatz ?
|
Der dimensionale Ansatz geht davon aus, dass jeder Persönlichkeitszug (“Dimension”) - zum Beispiel “Gewissenhaftigkeit” - von Mensch zu Mensch einen anderen (persönlichkeitsspezifischen) Ausprägungsgrad, eine bestimmte Stärke besitzt. Sie ist mithilfe von Fragebögen und anderen Messverfahren erfassbar.
Man kann die Stärke der Ausprägung von Persönlichkeitsmerkmalen, die generell verbreitet sind (wie die “BIG FIVE”) mit Fragebögen einigermaßen genau erfassen und erhält so ein PROFIL der Persönlichkeitsstruktur.
Die TYPOLOGISCHE Erfassung der Persönlichkeit dagegen versucht, eine Person schwerpunktmässig einem speziellen Typus zuzuordnen, wie beispielsweise die alte Säftelehre die Menschen fünf Grundtypen zuordnete (snaguinisch, phlegmatisch usw.). Auch in der bioenergetischen Analyse besteht bis heute die Versuchung, Menschen bestimmten Charakterstrukturen (schizoid, oral, psychopathisch ...) zuzuordnen, womit jemand zum entsprechenden Typ “gestempelt” wir: “Du bist ein oraler Typ”
|
|
|
Wie kam es zum dimensionalen Ansatz ?
|
Die Faktorenanalyse eines Itempools von 99 Fragen, die der Erfassung bioenergetischer Strukturen dienen sollten und deren Formulierung strikt aus der bioenergetischen Perspektive heraus erfolgt war, führte unerwartet zur Reproduktion der “Big Five”.
Die bioenergetischen Charaktere ließen sich dann an den Polen der „Big Five“ wie folgt lokalisieren:
Faktor 1 (Neurotizismus) repräsentierte am neurotischen Pol Oralität (r = 90), Schizoidität (r = 78) und am emotional stabilen entgegengesetzten Pol Psychopathie (r = 57). Faktor 2 (Antagonismus) ist das Big-Five-Pendant zu Lowen’s Rigidität, Faktor 5 (Offenheit für Erfahrung, Beweglichkeit) entspricht dem masochistischen Typus am unbeweglich - konformistisch - konservativen Pol und der psychopathische Typ ist mit r = 64 stärker als bei Faktor 1 am offen-beweglichen Pol von Faktor 5 vertreten. Weitere nennenswerte Bezüge des psychopathischen Typs finden sich zu den Faktoren Gewissenhaftigkeit (r = 65) und Extraversion (r = 66). Im Unterschied zu den anderen bioenergetischen Charakteren ist damit der psychopathische Typ im persönlichkeitspsychologischen Raum faktorenanalytisch am wenigsten einheitlich bzw. prägnant repräsentiert, sondern vorwiegend eine „Mixtur“ aus den Faktoren Neurotizismus, Geltungsdrang/Beweglichkeit (Offenheit für Erfahrung), Gewissenhaftigkeit und Extraversion, was die Frage aufwirft, wieweit es sich hier um ein Kunstprodukt handelt. Gleichwohl gibt zu denken, daß die psychopathischen Fragen in der Clusteranalyse perfekt einheitlich in einem eigenen Cluster fusioniert waren.
Die zwei Big-Five-Faktoren Gewissenhaftigkeit und Extraversion sind in der bioenergetischen Analyse anscheinend nicht adäquat eigenständig verteten, sie fehlen einfach. Eine Neigung zum sozialen Rückzug (Introversion) kann bei masochistischen, oralen und schizoiden Personen, zu Extraversion bei psychopathischen, rigiden und phallischen Personen festgestellt, eine Tendenz zu Nachlässigkeit (Faktor Gewissenhaftigkeit) bei hysterischen, masochistischen, rigiden, schizoiden und oralen Personen und zu Gewissenhaftigkeit beim psychopathischen Typ beobachtet werden.
|
|
|
Drei Phasen der Entwicklung in der Kindheit
|
|
|
Die Interkorrelationsmatrix der zehn Skalen der BPA bei einer Stichprobe von 214 KlientInnen gibt einen Überblick über die Stärke der Zusammenhänge (Höhe der Korrelation) zwischen „Big Five“-Faktoren und bioenergetischen Skalen. Die bioenergetischen Skalen wurden dabei zeitlich in ungefährer Entsprechung zur bisherigen klinischen Tradition angeordnet. Dabei werden schizoide und orale Themen vorwiegend Einflüssen des ersten Lebensjahres zugerechnet, Psychopathie, Masochismus und Gewissenhaftigkeit denen des zweiten bis etwa dritten Lebensjahres und Extraversion, Antagonismus, phallische und hysterische Prägung denen des etwa vierten bis etwa sechsten Lebensjahres.
|
„Big Five“
|
|
neuro- tisch
|
schizoid
|
oral
|
psycho- pathisch
|
maso- chistisch
|
gewissen- haft
|
extra- vertiert
|
rigide
|
phallisch
|
|
1
|
Neurotizismus
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
schizoid
|
78
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
oral
|
90
|
66
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
psychopathisch
|
-57
|
-52
|
-59
|
|
|
|
|
|
|
|
5
|
masochistisch
|
55
|
59
|
53
|
-64
|
|
|
|
|
|
|
3
|
Gewissenhaftigkeit
|
-36
|
-37
|
-33
|
65
|
-43
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
4
|
Extraversion
|
-28
|
-29
|
-30
|
66
|
-40
|
07
|
|
|
|
|
2
|
Rigidität
|
29
|
24
|
25
|
01
|
12
|
-39
|
34
|
|
|
|
|
phallisch
|
20
|
16
|
19
|
21
|
-06
|
-12
|
47
|
65
|
|
|
|
hysterisch
|
61
|
44
|
52
|
-32
|
39
|
-44
|
02
|
74
|
46
|
|
Interkorrelationen der phasenspezifisch angeordneten Skalen
Aus der Höhe der Korrelationen zwischen je zwei Skalen ist die Enge der ‚Verwandtschaft‘ zwischen ihnen ablesbar. Die Anzahl relativ hoher Korrelationen (Zusammenhänge) in der Matrix war Zeichen dafür, daß eine geringere Anzahl von Faktoren ausreichen würde, um das Wechselspiel der Zusammenhänge aufzuklären. Hierzu führte ich eine Faktorenanalyse (FA) durch.
Die FA der Interkorrelationsmatrix - statistisch wegen der Doppelauswertung einiger Items für mehrere Skalen nicht korrekt – führte zu drei „Faktoren 2. Ordnung“, die mit Korrelationen über .90 gut den drei Faktoren entsprechen, die eine FA des gesamten Itempools (der 84 Items der Bioenergetischen Prozess-Analyse)– abgestellt auf drei Faktoren - erzielte.
Die folgende Tabelle stellt die Korrelationen der Testskalen mit den drei (aus der FA der Skalen) extrahierten Faktoren 2. Ordnung dar. Es gelingt auf diese Weise, die Skalen entsprechend ihrer Zugehörigkeit zu einem Meta-Faktor in eine Ordnung zu bringen. Die Matrix demonstriert den engen Zusammenhang von Neurotizismus, schizoider und oraler Struktur - in zweiter Linie psychopathischer und masochistischer Struktur - mit dem Meta-Faktor 1. Psychopathische und masochistische Struktur und Gewissenhaftigkeit sind vorwiegend dem Meta-Faktor 3 zuzuordnen und Extraversion, Antagonismus (Rigidität), phallische und hysterische Struktur dem Meta-Faktor 2.
Das Interessante daran ist nun, daß die Struktur dieser korrelativen Zusammenhänge die traditionelle psychodynamische Auffassung dreier grundlegender Entwicklungsphasen innerhalb der Kindheit bestätigt.
|
Skalen
|
Meta-Faktor 1 sensory attachment
ca. 1. Lj.
|
Meta-Faktor 3 sensorimotor- autonomy
ca. 2.-3. Lj.
|
Meta-Faktor 2 intracortical- initiative
ca.4.-6. Lj
|
|
Neurotizismus
|
95
|
17
|
39
|
|
schizoid
|
85
|
11
|
45
|
|
oral
|
88
|
13
|
38
|
|
|
|
|
|
|
psychopathisch
|
-62
|
23
|
-69
|
|
masochistisch
|
67
|
-06
|
73
|
|
gewissenhaft
|
-38
|
-20
|
-84
|
|
|
|
|
|
|
extravertiert
|
-37
|
60
|
-25
|
|
antagonistisch
|
29
|
90
|
29
|
|
phallisch
|
21
|
80
|
-01
|
|
hysterisch
|
63
|
61
|
39
|
|
Korrelationen der Einzelskalen mit den drei Faktoren 2. Ordnung
Sie weist bei näherem Hinsehen eine deutliche Entsprechung mit dendrei grundlegenden Entwicklungsstadien der Kindheit im Diathese (Vulnerabilitäts)-Streß-Modell von MILLON (1981) auf. Millon, der 1994 das auf DSM IV abgestellte Clinical Multiaxial Inventory-III veröffentlichte, unterscheidet unter Betonung der Wichtigkeit früher kindlicher - vor allem zwischenmenschlicher - Erfahrungen grob drei neuropsychologische Entwicklungsstufen, die er mit Ergebnissen der neuropsychophysiologischen Erforschung der Kleinkindentwicklung begründet:
|
|
|
Die sensory-attachment stage
|
zwischen Geburt und etwa 18. Lebensmonat. Hier geht es um eine ungestörte Kind-Eltern-Beziehung mit einer Ausgewogenheit zwischen Über- und Unterstimulation und der Gefahr der Begründung von Unausgewogenheiten im Bereich der interpersonellen Abhängigkeit und Unabhängigkeit.
|
|
|
Die sensorimotor-autonomy stage
|
etwa zwischen 12. Lebensmonat und dem 6. Lebensjahr ist gekennzeichnet durch Lernübergänge von der grobmotorischen zur feinmotorischen Regulation. Unterforderungen und zu wenig Anregung führen hier zu unzureichendem Neugierverhalten und mangelnder seelisch-körperlicher Beweglichkeit mit der Folge erhöhter Selbstunsicherheit, Passivität und Unterwürfigkeit. Überforderungen, übermäßiges Gewährenlassen steigern die Neigung zu übersteigerter Selbstrepräsentation und sozialer Unangepaßtheit.
|
|
|
Die intracortical-initiative stage
|
des Alters von 4 Jahren bis zur Adoleszenz ist die Zeit gesteigerten Zuwachses an höheren kortikalen Hirnfunktionen. Unterforderungen in dieser Phase können die Entwicklung eigener Lebensziele behindern und zu einem Mangel an Disziplin oder gesteigerter Impulsivität führen. Überforderung oder zuviel Gewährenlassen schränken die Entwicklung von Spontaneität, Flexibilität und Kreativität ein und begünstigen ein eher rigides, selbstbeschränkendes Persönlichkeitsmuster.
|
|
 |
|
|
|
|
Meta-Faktor 1 der 3-Faktorenlösung (Varianzanteil 10.6%, Cronbach’s Alpha = .90) würde dementsprechend den durch das sensory-attachment stage hervorgerufenen Anteil an Varianz, Meta-Faktor 2 (Varianzanteil 5.5%, Cronbach’s Alpha = .76) den durch das intracortical-initiative stage hervorgerufenen Anteil und Meta-Faktor 3 (Varianzanteil 5.5%, Cronbach’s Alpha = .73) den durch das sensorimotor-autonomy stage bedingten Varianzanteil erklären. Eine jedem dieser Faktoren entsprechende Skala sollte demnach hypothetisch Traumatisierungen in jeweils einer dieser Phasen erfassen. Dabei sind allerdings weder der relativ geringe Prozentsatz aufgeklärter Varianz noch die Konsistenzen des zweiten und dritten Faktors zufriedenstellend, was auf die große Streuung der Items innerhalb des mehrdimensionalen psychischen Raumes zurückzuführen ist. Es werden durch den gesamten Itempool eine Anzahl spezifischer Persönlichkeitsfacetten erfaßt (s.u.), was den Varianzanteil der generellen Faktoren schmälert. Mit einer gezielteren Auswahl von Items wäre es möglich gewesen, die statistischen Kennwerte hochzutreiben, was allerdings nicht Absicht der Untersuchung war.
Eine vorläufiger Klassifikationsversuch integriert die verschiedenen Aspekte - Entwicklungsphasen, „Big Five“, psychodynamische Charaktere - unter der Perspektive einer zeitlichen Zuordnung, wobei die Polungen soweit möglich entsprechend den Korrelationen ausgerichtet wurden.
|
Ska la
|
Skalen, „Big Five“-Faktoren kursiv
|
Stage
|
Alter
|
Faktor
|
|
1
2
3
|
Neurotizismus
schizoid
oral
|
versus
versus
versus
|
Emotionale Stabilität
kompensiert schizoid
kompensiert oral
|
Sensory attachment
|
1. Lj.
|
1
|
|
4
5
6
|
Machtlosigkeit, Ohnmacht
masochistisch Konservatismus, Zähigkeit
Nachlässigkeit, Unzuverlässigkeit
|
versus
versus
versus
|
psychopathisch
Geltungsdrang, Beweglichkeit, Offenheit für Erfahrung
Gewissenhaftigkeit, Pedanterie
|
Sensori- motor autonomy
|
2. / 3. Lj.
|
3
|
|
7
8
9
10
|
Introversion
Verträglichkeit, Altruismus
Toleranz
Emotionale Zurückhaltung
|
versus
versus
versus
versus
|
Extraversion
Antagonismus, Rigidität
Aggressive Rivalität (phallisch)
Dramatik (hysterisch)
|
Intracortical initiative
|
4.- 6. Lj.
|
2
|
|
Gemeinsames entwicklungspsychologisches Modell der grundlegenden psychodynamischen Konstrukte und der fünf grundlegenden Persönlichkeitsdimensionen
Die entsprechend den Korrelationen mit den 3 Faktoren 2. Ordnung erfolgte Gruppierung der Skalen wird von der Clusteranalyse (Minimum variance nach Ward, Distanzmaß squared Euclidean distances) im wesentlichen bestätigt. Allerdings taucht Extraversion dabei unerwartet gemeinsam mit Psychopathie, Masochismus und Gewissenhaftigkeit in einem Cluster auf. Davon abgesehen werden aber die Skalen in der Clusteranalyse in Reihenfolge und Anordnung identisch gruppiert wie in der Tabelle der Korrelationen mit den Faktoren 2. Ordnung. Wir erhalten wieder drei Gruppen aus neurotisch-schizoid-oral, psychopathisch-extravertiert-masochistisch-gewissenhaft und rigid-hysterisch-phallisch. Wie nun Extraversion letztlich zuzordnen ist, müssen weitere Untersuchungen zeigen.
|
|
|
Clusteranalyse der 10 Skalen
|
Die Clusteranalyse weist auf eine gewisse Nähe zu Theorien dreier grundlegender Faktoren, wie sie von Eysenck (1991), und anderen wie Zuckermann (1991) und Gray (1991) vertreten werden. Diesen Theorien ist das Bemühen gemeinsam, grundlegende Persönlichkeitsdimensionen und Verhaltenssysteme biologisch zu fundieren, indem sie mal enger, mal weiter zu bekannten physiologischen Strukturen – z.B. Neurotransmittern - in Beziehung gesetzt werden. Dabei spielen so grundlegende Konstrukte wie Annäherung und Belohnung, Vermeidung,Hemmung und Bestrafung, Aggression und Fluchtverhalten eine Rolle (s. Revelle, 1995). Unter diesem Aspekt ist das ‚neurotisch-oral-schizoide‘ Cluster Eysenck’s Neurotizismus und Gray’s Komplex „Angst, negativer Aspekt, Verhaltenshemmung > AVOIDANCE“ zuzuordnen; das zweite größere Cluster ‚psychopathisch-extravertiert-masochistisch (und zwar dessen Gegenpol: Unabhängigkeit, Bestimmtheit, Beweglichkeit) – gewissenhaft‘ entspräche Extraversion bei Eysenck und „verhaltensmäßiger Aktivation, Impulsivität, positiver Affekt > APPROACH“ bei Gray. Das dritte Cluster ‚rigid, hysterisch, phallisch‘ schließlich entspräche Eysenck’s Psychotizismus-Faktor und bei Gray „FIGHT/FLIGHT, AGGRESSION“.
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
 |
|
|
 |
 |
 |
|
© 2000 IPPM
|
|